2600 Blue Marvin und Gray Meanie


    Volks-Synthesizer von Behringer


    Die Behringer Neu-Interpretation des ARP 2600 ist wirklich grandios gelungen! Natürlich ist er anders, als ein 50 Jahre alter ARP - und ich bin der Meinung, dass das nicht mal schlecht ist! Es ist ja nicht so, dass der ARP 2600 perfekt war. Vor Jahren hatte ich zusammen mit Eric van Baaren einen Vergleich verschiedener 4072 Filter durchgeführt. Die Filter wurden in verschiedene ARPs eingesetzt und klangen in jedem ARP anders (ein- und dasselbe Filter!). D. h., das vorher als "Bestes" identifizierte Filter klang in einem anderen ARP mittelmässig (das liegt an grossen Bauteil Toleranzen bei diskreter Bauweise). Genau dies ist mit dem Behringer 2600 Vergangenheit - wie auch die Pratt Read Tastatur. Die fühlte sich beim Spielen zwar viel direkter an, als eine MIDI-Tastatur, war aber sehr anfällig (Glitches / Kontakte). Auch werden die Instrumente durch die Pratt Read Tastatur zusätzlich "individualisiert", da sich die ganzen Einzelkontakte natürlich nicht identisch verhalten. Deutlich engere Werte-Toleranzen bei den heutigen Bauteilen zuppeln alles genauer zusammen. Bisher hatte ich SMD-Bauweise bei Synthesizern als eher negativ wahrgenommen, der Behringer 2600 hat das schlagartig geändert.

    Der Gray Meanie wirkt klanglich aufgeräumter, weniger "überbordend", insgesamt auch filigraner - und die einzelnen Gray Meanies sind nun kaum voneinander zu unterscheiden. Vielleicht spielen bei der "gesitteteren" Erscheinung auch die, jetzt verwendeten 12V eine Rolle (statt 15V im ARP). Die differenziertere Übertragung gilt auch für die Signale, die über den Preamp direkt in den VCA gehen. Sehr überrascht hat mich, wie ähnlich der ARP Little Brother klingt, wenn ich ihn einschleife und mit den Behringer VCOs (über den Behringer VCA) vergleiche - der Little Brother hat den VCO des ARP 2600 und bringt mehr "Vintage 2600 Verwaschenheit" und ist im Bass-Register etwas kräftiger. Die grosse klangliche Ähnlichkeit des Behringer 2600 hatte ich, ehrlich gesagt, nicht erwartet. Wirklich beeindruckend!

    Durch das geringe Gewicht ist der Gray Meanie unkompliziert auch in bestehende Setups zu integrieren. Hier wird er (und darüber der Little Brother) durch einen Doppel-Monitorarm gehalten - und das ist ohne Abstriche gut (nicht wackelig) - aber der 2600 entfaltet seine Stärken vor allem beim direkten Spiel und voller Zuwendung. Er ist als Instrument entworfen worden. Die meisten Klänge des 2600 gewinnen enorm an Lebendigkeit, wenn ein oder zwei Slider beim Spielen zur Modulation bewegt werden. Deshalb sollte er, wie ein Instrument, zentral und nahe vor einem sein (ich bevorzuge im Winkel von 45 bis 60 Grad) - idealerweise mit einem Keyboard davor. Ich werde deshalb weiter mit dem Aufbau experimentieren - und ihn auf die "eigenen Füsse" bringen.

    Die alten ARP 2600 sind mit Preisen, teilweise deutlich über €10.000, inzwischen ziemlich überteuert, Pflege und Anfälligkeit der 40-50 Jahre alten Instrumente sind nicht jedermanns Sache - wie auch der Transport der beiden grossen Kisten - und viele Original-Ersatzteile sind nur noch schwer oder gar nicht mehr zu bekommen. Der Behringer 2600 - insbesondere als Blue Marvin und Gray Meanie - ist DER Synthesizer, den ich jedem ans Herz lege, der sich (noch) einen Synthesizer anschaffen will - insbesondere, wenn es der erste Synth werden soll. Gray Meanie, Blue Marvin oder einfach der Behringer 2600 für € 619.- haben definitiv das Zeug zum Volks-Synthesizer.


    Gray Meanie auf der Behringer Website: Behringer 2600 Gray Meanie

    Blue Marvin auf der Behringer Website: Behringer 2600 Blue Marvin



    Die Details

    Im zweiten Anlauf scheint Behringer (für mein Empfinden) die richtigen Korrekturen vorgenommen zu haben: Nachdem mit dem "Behringer 2600" (Ende 2020) meines Erachtens ein paar Dinge "etwas unglücklich" waren - technisch: ein "problematisches" Digital-Reverb anstelle eines Spring-Reverbs (wie im Original), ästhetisch: das ARP black/orange Design mit farbcodierierten LED-Sliders im "Weihnachtsbaum-Look" - sind bei den seit März 2021 ausgelieferten Folge-Modellen "Blue Marvin" und "Gray Meanie" (Bild) einige Dinge verändert worden, die genau die (mich) störenden Aspekte beheben oder zumindest verringern - und das für schlappe € 4.- (vier Euro) Aufpreis (€ 619.- statt € 615.-)!


    Die Namen "Blue Marvin" und "Gray Meanie" waren die Kosenamen der ersten beiden Vor-Serien des ARP 2600 von 1971 (Foto: ARP Gray Meanie). Diese Originale unterschieden sich untereinander nur durch die Farbe und die besser organisierte Produktion des Gray Meanie - vom Blue Marvin gab es nur ca. 25, vom Gray Meanie 35 Stück. Beide Modelle hatten jedoch bessere Bauteile (z.B. Teledyne VCOs), die aus Kostengründen nicht in den späteren ARP 2600 Baureihen verwendet wurden.

    Auch die beiden neuen Behringer Modelle unterscheiden sich nur farblich voneinander und sind, im Unterschied zum "black/orange" Behringer 2600, mit "sorgfältig ausgewählten, hochwertigen Komponenten für verbesserte Leistung, einem mechanischen Federhall und einfarbigen Fader-LEDs ausgestattet". Diese "hochwertigen Komponenten" werden hoffentlich ihre Wirkung zeigen - es ist ja eine generell willkommene Aussage - und hoffentlich fanden auch die Teledyne VCOs des "ARP Gray Meanie" die verdiente Aufmerksamkeit. Alles das kann ich aber nicht vergleichen. Die einfarbige Gestaltung und einfarbigen LED-Sliders beruhigen die Optik ungemein - und wenn schon schlechter Hall, dann lieber Spring Reverb.


    Sofort hatte mich (schon beim ersten Modell) das Re-Design des Panels der Behringer 2600 beeindruckt. Obwohl es zum Original ARP 2600 einige Veränderungen gibt, ist der Charakter völlig erhalten geblieben und das ist, besonders für ehemalige ARP-isten, sofort erkennbar. Das Layout zeigt deutlich, wie sorgsam "der Spirit" des A.R. Pearlman hier weitertransportiert wurde, denn die "grossen" ARP Synths klangen nicht nur gut - sie bestachen auch durch ihre einmaligen Panel Layouts - schon vor dem ersten Anschalten! Und, gottlob, wurden von Behringer beim 2600 keine unnnützen Sequencer oder andere Gimmicks hinzugefügt. Der 2600 wurde auf 19 Zoll, 8HE verkleinert, auf 5,1 kg erleichtert, Tastatur, Lautsprecher und Case weggelassen, und stattdessen der LFO und die Controller des ARP 3620 Keyboards auf dem 2600-Panel untergebracht - eine wirklich gute Entscheidung, weil sonst einer der drei VCO die Aufgabe des LFO hätte erledigen müssen.



    Die Veränderungen / Additionen am Behringer 2600 verweisen, wie schon das Re-Design des Panels, auf grosses Feingefühl und viele ARP 2600 Erfahrungen, denn es sind genau die Punkte verbessert worden, die (damals) von vielen ARP 2600 Besitzern gewünscht wurden. Insbesondere die "Time Factor" Switches waren wohl die häufigste Modifikation der original ARPs - weil die Hüllkurven weder kurz- noch lang genug waren. Manche Dinge waren aber (für die meisten Leute) unveränderbar - und auch hier hat Behringer eingegriffen. Doch zuerst zum Anfang: im folgenden Bild habe ich versucht, die Unterschiede zum historischen Original herauszustellen und (vor allem) für Nicht-Kenner des ARP 2600 sichtbar zu machen. Das Grössenverhältnis der beiden abgebildeten Modelle habe ich, zur besseren Erkennbarkeit, aneinander angepasst. Die rot umrandeten Elemente beim Behringer sind Erweiterungen von Behringer. (Achtung: der erste [grüne] Block des ARP 2600 ist beim Behringer in die untere Reihe gerutscht!) )


    Die (mir) willkommenen Unterschiede zum historischen ARP 2600 beginnen mit der Gewichts- und Grössen-Reduktion - trotz Grössen-Erhaltung der Sliders! 5,1 kg sind auch auch in höherem Alter vorraussichtlich noch zu bewegen - und das Weglassen der Lautsprecher verdient fast einen eigenen Feiertag. Die Lautsprecher waren an Bord, weil es das Instrument für Schulen und Universitäten prädestinierte. Vor 50 Jahren war es mitunter recht kompliziert, ein geeignetes Verstärker-/Lautsprecher System für einen Synthesizer in Schulungs-Umfeldern aufzutreiben. Heute ist die Situation umgekehrt: bessere Lautsprecher dürften sich in wenigen Minuten auftreiben lassen.

    Ganz besonders gut und ganz wichtig ist die (beim Original häufig vorgenommene) Timefactor-Modifikation, die es erlaubt, die Hüllkurven halb- oder doppelt so lang zu machen (3-Positionen Switches mit *0.5,*1.,*2.). Sehr, sehr gut!


    Die, beim Original "abgespeckten" VCO1 und VCO3, sind beim Behringer erweitert worden: VCO1 hat einen "Pulsewidth" Slider erhalten, wodurch die Beschränkung auf Saw und "Square" aufgehoben- und zu Saw und "Pulse" verändert wird (eine Pulsewidth von 50% erzeugt "Square"). Der VCO3 hat die zusätzlichen Wellenformen Tri und Sine bekommen und auch eine Pulsewidth Modulation - dadurch gibt es auch einen Slider mehr. Nun ist VCO3 identisch zum VCO2 - und beide (VCO2 und VCO3) haben auch einen Sync-Switch bekommen. Cool.


    Die Modulatoren des 3620 Keyboards am 2600 sind ein echter Segen! Wie oben bereits erwähnt, macht es modulierte dreistimmige Klänge möglich - normalerweise müsste ja sonst ein VCO als LFO dienen. Alternativ stehen zwei LFOs für zweistimmige Klänge zur Verfügung. Diese, vom Keyboard 3620 "portierten" Modulatoren erzeugen deshalb einen enormen Unterschied! Zum LFO mit -Speed, -Delay und -Depth Sliders kommt noch Portamento - inkl. On/Off- und Momentary Switch. Desweiteren gibt es einen Triggermode Switch (Single/Mult) und einen Repeat Mode Switch (Keyboard/Auto/Off). Ganz entscheidend ist auch der letzte Switch "Voice Mode", durch den die Mono- und Duophonie im 2600 selbst umgestellt werden kann (und eben nicht mehr nur an der Tastatur). Diese Möglichkeit kam bei ARP erst mit der "späten" Tastatur 3620. Ich z.B. hatte einen frühen ARP 2600 mit der 3604 Tastatur - und die 3620, die den 2600 duophon machte, blieb für mich ein unerfüllter Wunsch, da sie nach dem Ende der Firma ARP Instruments 1981 praktisch nicht mehr einzeln zu bekommen war.


    MIDI, CV und Anschlüsse

    Die MIDI Implementierung ist so simpel, wie eben möglich. Der Behringer 2600 versteht NoteOn / -Off und Pitchbend. Das wars. Glücklicherweise gibt es eine Software (App), mit der die beiden überaus wichtigen Parameter "PitchBend Range" (max. 12 Halbtöne) und "Key Priotity" (Low/High/Last) verstellt werden können. Damit lässt sich gut leben. Die App wäre natürlich wünschenswert als App für mobile Devices - also auf iOS und Android.

    Interessant ist auch das zweite Tab der Software: hier scheint die Kalibrierung für die zweite Stimme (upper voice) gemacht zu werden. Ich werde es mir demnächst näher ansehen.

    Ich habe ein paar MIDI-Belastungstests gemacht: es gab keine Note-Hänger und auch sonst kein Problem, alles wunderbar. Der Pitchbend funktioniert sauber - und durch die 14 bit Auflösung ist es hervorragend für Microtunings geeignet! Auch der, ans "KYBD CV" angeschlossene ARP Little Brother, wurde identisch getrackt - auch bei invertierter CV.

    Richtig erstaunt hat mich, dass der Gray Meanie 14V Trigger und 10V Gate ausgibt. Was für eine Überraschung! ARP Trigger sind 15V und werden ab ca. 13,6V als "voll" vom Instrument angenommen. Trotzdem kann es vom Eurorack angesprochen werden, denn die Clock muss >6V, das Gate 4V und der Trigger 5V sein, um vom Behringer 2600 ausgelöst zu werden.


    Auf der Rückseite sind, neben USB und MIDI In und -Thru noch zwei Pedal-Eingänge vorhanden, einer für die Aktivierung des Portamento: ich nehme an, das ein Toggle-Switch an/aus schaltet und ein Sustain Pedal (alternativ) wie der rote Momentary Switch arbeitet. Der andere Pedalanschluss ist der "Interval Latch" (Intervall Verriegelung) Input: hier kann die Duophonie bei aktiviertem Pedal (Toggle oder Sustain) zum fixieren eines Intervall Abstands genutzt werden. Mit den Dip-Schaltern lässt sich der MIDI Kanal einstellen, auf dem der 2600 empfangen soll. Mit dem verbliebenen Rädchen kann das Licht der LED Slider gedimmt werden. Die optische Anzeige der S&H Position und der LFO Speed bleibt davon ausgenommen. Diese optischen Kontrollen sind auch eine willkommene Neuerung.


    Clone?

    Der Behringer 2600 ist kein Clone. Er ist ein neu interpretierter 12 Volt 2600. Die 12V entsprechen mehr der zeitgemässen (SMD) Bauweise und vielleicht muss ich, als Anhänger der 15V Kirche, umlernen und mich einfach an der Ökumene erfreuen - meine direkt wahrgenommene Begeisterung über diese "Umsetzung" des ARP 2600 halte ich für die gelungenste. Sie hat etwas Frisches und viele, wirklich sinnvolle Verbesserungen. Dazu ist sie kompakt und hat nix 70er Jahre-mässiges mehr - auch nicht "das Verhalten".



    Klang

    Klanglich - und ich rede von "bewegten", nicht von stehenden Klängen - würde ich den (modernen) Behringer 2600 eigentlich nicht zu nah am historischen ARP 2600 assoziieren, denn ein, vor 50 Jahren diskret gebauter 15V Synth verhält sich wegen deutlich höherer Bauteil-Toleranzen (elektr.) einfach ganz anders, als ein moderner 12V Synth in SMD Bauweise. Die moderne SMD-Bauweise sorgt aber dafür, dass die einzelnen Instrumente untereinander kaum zu unterscheiden sind - was ja grundsätzlich gut ist, weil es einen "Lotterie-Faktor" (oder bestehende Ungerechtigkeiten) beseitigt. Der Klang des Behringer 2600 Gray Meanie hat mich durchweg positiv überrascht und meine Erwartungen weit übertroffen - über den Kopfhörer-Ausgang klingt er allerdings deutlich weniger attraktiv, was aber am Kopfhörer-Verstärker liegt.

    Insgesamt wirkt er beim Spielen (durch die feinen Slider) etwas präziser und feiner - vielleicht zeitgemässer? Sehr überrascht hat mich, dass auch der ARP Little Brother "gesitteter" klingt, wenn ich ihn einschleife - im ARP Odyssey klang er eher rabiater - was evtl. mit Volumen und den schlechten VCA des Odyssey zu tun hat. Mir kommt auch diese Veränderung entgegen. Im direkten Vergleich sind sich die Klänge der Oszillatoren erstaunlich ähnlich, fast identisch - und im Kontext ist es kaum möglich, zu bestimmen, ob jetzt Behringer oder ARP zu hören ist (also, ARP VCO durch den Behringer VCA gespielt). Der Behringer hat manchmal etwas mehr "Spitze", der ARP wirkt etwas "runder" (verschwommener) und hat kräftigere Bässe. Tatsächlich zeigt der Behringer VCO einige schöne Details im Klang, die der ARP VCO nicht zeigt. Ich habe jetzt schon mehrfach gedacht, dass dieses oder jenes bestimmt Alan R. Pearlman gut gefallen hätte. Zur Erinnerung: der ursprüngliche ARP 2600 Gray Meanie hatte "feinere" Teile verbaut, die aus Kostengrüngen in den späteren Serien durch minderwertige (günstigere) Teile ersetzt wurden. Diese Teile machten den 2600 aber auch verschwommener, rauher - und Pearlman hatte nix mit RocknRoll am Hut, eher mit klassischer Musik.

    Für die Klang-Charakteristik ist beim 2600 die Zusammenstellung der Module und die Art der Bedienbarkeit durch das (Panel-) Layout entscheidender, als der Grundklang, der deswegen natürlich nicht unerheblich ist. "Das Paket" stimmt beim Behringer 2600 und ist zweifelsfrei 100% ARP 2600. Die Baugruppen sind (jetzt auf einer Platine) aufeinander abgestimmt und klanglich nach dem ARP 2600 ausgerichtet. Die Neu-Interpretation ist gelungen - und die Behringer Erweiterungen sind eine perfekte Reaktion auf die Wünsche der Musiker.

    Sicherlich lässt sich von versierten Technikern immer etwas finden, das verbessert werden könnte - und, je komplexer die Modulationen, desto stärker werden die Unterschiede zum ARP 2600 - hier schwächelt der Behringer 2600. Es ist traurig, dass solche Instrumente heute meistens nicht in "maximierter Qualität" gebaut werden, aber das ist ein anderes, politisches Thema. [Sozial-] Politisch ist aber auch, dass dieser Gray Meanie für € 620.- neben mehr als 20x teureren Synths steht, ohne negativ aufzufallen - ganz im Gegenteil: er zelebriert souverän seine Stärken. Ich glaube, so etwas gab es bisher noch nicht. Es ist wohl das beste existierende Schul-Instrument für elektronische Musik - und es lässt sich trefflich damit musizieren. Dieses Instrument hat eine Zukunft verdient.



    Uneingetroffene Befürchtungen und kleine Änderungen

    Im Vorfeld hatte ich einige Bedenken, was die Spielbarkeit und die engeren Abstände zwischen den Sliders betrifft. Tatsächlich erscheint es mir, im Gegenteil, eher besser spielbar! Kein Gefühl von Enge. Die Slider sind sehr angenehm und präzise zu regeln. Ich habe nicht mit dieser Qualität gerechnet. Ich meine damit nicht die Güte, sondern insgesamt das "Standing" des Gray Meanie. Dieses Instrument kann sich locker behaupten!


    Wirklich unangenehm sind die scharfkantigen Sliderköpfe. Ich hatte bereits nach drei Tagen Hornhaut an Zeigefinger und Daumen entwickelt. Das ist etwas, was Pianisten gar nicht lieben. Deshalb habe ich die "WMD Clear Caps" aufgezogen. 63 Slider bedeutet sieben Tüten á 10 Stück für 8 Euro (€ 56.-) - auch schmerzhaft - für ein paar Plastikkappen - aber nur einmal. Vor dem Aufsetzen muss ca. 1/3 abgeschnitten werden. Ich bin kein Fan von Weichplastik, es fühlt sich etwas "klebrig" an, aber das unangenehme Stechen der Kanten ist Vergangenheit.

    Bei Gelegenheit werde ich auch die "SIFAM SLIDER CAPS" ausprobieren. Es gibt sie in weiss, Creme, grau und schwarz, als Soft- und Hard-Touch. In der Mitte ist ein transluzider Streifen, der das Licht der LED durchlässt. Sie sind deutlich grösser und ziemlich hoch. Obwohl die "SIFAM SLIDER CAPS" mit € 0,71 etwas günstiger als die WMD Caps sind, ist der Versand aus England doch sehr teuer und haut den Preis durch die Decke. Ich werde versuchen, eine andere Versandlösung zu finden.


    Was mir auch nicht gefiel - und was ich bereits geändert habe - war der popelige Regler für die Kopfhörer-Lautstärke. Er ist sehr klein und glatt, und - wegen der Grösse - gefühlt, "schwer" und unangenehm fummelig zu regeln. Ausserdem ist der Positions-Strich fast nicht zu sehen. Hier hat Sifam eine deutliche Verbesserung gebracht, denn ich habe die Potikappe gegen eine grössere "Sifam/Selco Large Skirt" (mit D-Shaft) ausgetauscht. So ist nicht nur "mit mehr Grip" und (wegen der Grösse) leichter zu regeln - auch die Position ist sofort zu erkennen. Ich habe bewusst einen "etwas zu grossen" Regler gewählt. Das ist viel besser! Wie ich finde, auch optisch.

    Wie auf den Fotos auch zu sehen ist, ist das Grau des Meanie deutlich heller, als auf den "offiziellen" Werbe-Fotos. Auch besser, als erwartet. Ich glaube aber, dass der Lack sehr empfindlich ist. Das ausgerechnet ein Riesen-("Billig")-Konzern mit einem so guten Produkt (zu einem solchen Preis!) aufwartet und auch sehr offen kommuniziert, macht doch etwas nachdenklich.

    Ein Slider arbeitet leider fehlerhaft: Der ADSR Slider im VCA regelt von unhörbar bis Maximum erst auf den letzten 5mm. Trimmen hilft nicht, es verändert nur die Maximal-Lautstärke. Habe inzwischen von einem Blue Marvin Besitzer die Nachricht bekommen, dass es bei ihm genauso ist. D.h., es bleibt die Hoffnung auf eine elektronische Lösung.

    Das Knacken beim Umschalten der Filter-Charakteristik ist auch nicht schön. Das Rauschen des VCF Sliders im Mixer bei 100% Resonanz im Filter ist, soweit ich das einschätzen kann, "normal" und elektronisch bedingt.

    Alles Kleinigkeiten, die die Freude nicht trüben.


    Seitenteile

    Weil wir bei der Individualisierung (bei Autos spricht man von "Tuning") sind: der B-ARP ist zum Einschrauben und verlangt, wenn er nicht eingeschraubt ist nach Seitenteilen (damit er besser aussieht). Ich habe gleich 2 Paar gemacht - eines zum Liegen und eines zum Stehen. Die Seitenteile sind aus 1,5cm dickem Multiplex, geschliffen, gebeizt und geölt - und damit es keine wackelige Angelegenheit wird, habe ich Gewindeschrauben eingesetzt. So lassen sich die Seitenteile mit Metallschrauben einfach anbringen und auch wieder lösen. Wenn alles soweit ist, tausche ich natürlich die Flügelschrauben gegen normale Schrauben aus. Ein bißschen DIY-Einsatz für's Instrument verbindet! Mit den Seitenteilen klingt der Synth natürlich auch deutlich besser.


    Das Paket "ARP 2600"

    Mir gefällt das "halbmodulare" Konzept des 2600. Dabei sollte "halbmodular" allerdings gerechterweise "eineinhalbmodular" heissen: es macht den 2600 deutlich schneller beim Patchen, weil nach Abziehen eines Kabels die Standard-Verbindung wieder hergestellt ist - und das ist besonders wertvoll auf der Bühne. Wie umfangreich die Grundverkabelung bei solch einem Biest ist - es wären 33 Kabel - zeigt das Patch-Sheet "Normals" mit der Grundverkabelung - das ist die, die besteht, wenn alle Kabel abgezogen sind.

    Ein weiterer "Vorteil des Pakets ARP 2600", besonders für die Lernenden, ist, dass es eines der schönsten Manuals der Geschichte dazu gibt, das gleichzeitig eine profunde Einführung in Elektronische Musik ist und auf dieses Instrument ausgerichtet ist: das "Arp 2600 Owners Manual"! Das Manual ist frei zugänglich - Behringer gibt uns jetzt das Labor dazu. Absolut empfehlenswert. Die Kombination (ARP Manual/Behringer 2600) hätte das Zeug, elektronische Musik schon in der Schule zu lernen. Schliesslich ändert sich nichts an der Verhaltensweise von Pulse- oder Sägezahnwellen und deren Steuerung durch Control Voltage. Es ist die Basis. Ich hoffe auf die Verbreitung dieser Einschätzung und wünsche eine grosse Zukunft.


    Für Schulen und Universitäten, für Zuhause und die Bühne, für Jung und Alt. Ein Lehr-, Lern- und Performance Instrument, ganz wie A.R. Pearlman es einmal geplant hatte. Behringer hat dieses schöne Instrument erweitert, ins 21. Jahrhundert gebracht und erschwinglich gemacht!

    Mit dem 2600 Blue Marvin und Gray Meanie hat Uli Behringer ein ganz grosses Ding gelandet! Ich hoffe, dass genug Resonanz entsteht, damit diese Modelle im Programm bleiben. Ich finde auch gut, dass Behringer den Namen "ARP" nicht gebraucht - oder nicht erwerben konnte(?). "2600", "Blue Marvin", "Gray Meanie" und das eindeutige Layout sagen genug. Sagen wir ruhig "Behringer 2600". Ehre, wem Ehre gebührt.

    Chapeau, Behringer!




    Behringer / Music Tribe


    Behringer's kürzlich erfolgter, massiver Einstieg in die Synthesizer-Branche hat die Firma schnell zur umstrittensten Firma der ganzen Branche gemacht. Es gibt zweifellos mehrere Dinge und Vorgänge, die an nichts Gutes denken lassen, dazu die immense Grösse der Firma und der industrielle und "chinesische" Hintergrund... - leider ist das auch genau das "convenience food" der sozialen Netzwerke. Es passt ins aktuelle Kommunikations-Schema der öffentlichen Entrüstung.... ein ungutes Gemisch. Es wäre gut, hier Klärung zu erlangen - und wohl auch Verhaltens-Änderungen der Firma.

    Trotz all dem hält Uli Behringer weiterhin eine besondere Nähe zu seinen Kunden / seiner Community aufrecht, die ihn als Enthusiasten und Verwirklicher eigener Träume zeigen. Seine Eurorack Module ("Neuinterpretationen" von ARP 2500, Roland- und Moog-Modular) sind eine Bereicherung des Eurorack-Formats - und die Preise sind dabei die eigentliche Neuerung. So werden diese Instrumente auch für Kinder und Jugendliche zugänglich! Und das ist ein ganz, ganz wichtiger Punkt! Ende 2020 ist Behringer, mit der Veröffentlichung des Behringer 2600 - meiner Meinung nach - "angekommen" und hat ein Instrument auf den Markt gebracht, das wirklich eine Menge Potenzial versprach - und offensichtlich doch noch Verbesserungen vertrug, die rasant umgesetzt wurden. Während die Auslieferung des B-2600 noch anläuft, wird im Februar 2021 bereits die Überarbeitung (Blue Marvin / Gray Meanie) angekündigt. Eine so schnelle Reaktion - wohl auf Kunden Kommunikation beruhend - ist ein wirklich starker Akt. Man merkt: hier steckt ordentlich Dampf drin!


    Ich denke, der 2600 Blue Marvin / Gray Meanie, basierend auf dem überragenden Design von A.R. Pearlman's ARP 2600, ist der erste "echte" - d.h. erschwingliche - Volkssynthesizer der Geschichte! Für so einen Preis bekam man bisher vielleicht etwas mehr, als einen VCO - oder eben nur "Spielzeug".

    Und hier kommt Uli Behringer ins Spiel.


    Hut ab, zum Gebet.


    Mehr über ARP Instruments und auch den ARP 2600 auf meiner Website: ARP Instruments



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