M.A.R.S.

Musical Audio Research Station (ca. 1992 - 1999)

Im Jahre 1987 willigte Peppino Di Giugno in einen Vertrag ein, im Studio IRIS in Paliano (bei Rom/Italien) die Entwicklung der M.A.R.S. zu leiten. Finanziert wurde das Projekt durch die Bontempi-Farfisa Group. Ziel war die Entwicklung von Sound-Chips für kommerzielle Instrumente und die M.A.R.S. war die offene Architektur, um Anwendungen zu programmieren. Eigentlich ging es auch um die Rettung der italienischen Hersteller elektronischer Instrumente. 1992 wurde die erste Hardware-Version der M.A.R.S. vorgestellt. Im Januar 1995 erlangte die M.A.R.S. Marktreife und sah aus, wie das abgebildete Modell. Es war wohl das einzigartigste Projekt, an dem ich je teilhaben durfte. Mit der M.A.R.S. zu arbeiten, war, wie 15 Jahre voraus zu sein. Viele Klänge versetzten die Anwesenden in Erstaunen. Alles war neu und vieles bisher nie gehört.


Eine DSP Maschine für Echtzeit-Anwendungen, die zu Beginn mit der Software "Edit 20" über Atari Computer konfiguriert wurde.

Zu Beginn 1997 wurde der Host-Computer auf Windows PC geändert und die Verbindung lief nun über ein ISA-Bus Board. Die neue Software ARES (Audio Resource Editing System) bedeutete einen Quantensprung in der Bedienbarkeit! An meiner M.A.R.S. wurde zudem das Bus-System verbessert.

Zuletzt gab es die M.A.R.S. dann als ISA-Karte für den Einbau in den PC, aber mit externer '19 Audio-I/O Unit. Mir gefiel diese Lösung nicht so gut, weil PCs damals gross und schwer waren, einen Höllenlärm machten, und ich von einem Musikinstrument erwarte, daß es still ist, wenn ich nichts mache. Auch die (leichte) Transportabilität wäre dahin gewesen. Genau deswegen hatte aber ich mich entschlossen, mir eine M.A.R.S. zu kaufen. Ich verzichtete also auf die Neuerungen und blieb beim 2HE 19 Zoll Gerät.

Die ISA-Karte bot aber enorme Vorteile. Zunächst war nun die Sampling Frequenz bei 32 bis 44,1kHz und es gab digitale AES I/O - die erste M.A.R.S. Generation hatte 39.625kHz und nur analoge I/O. Noch tiefgreifender war, dass die MARS ISA Card statt 32MB, mit 64MB Sample RAM ausgerüstet werden konnte und in einem Rechner bis zu acht M.A.R.S. ISA Cards betrieben werden konnten - also bis zu 512MB. Trotzdem - mir war die alte Version lieber!

Der Grund meiner Vorliebe für die 19' M.A.R.S. war, daß die, mit Edit20 (Atari) oder ARES (PC) erstellten Konfigurationen, als MIDI-File gespeichert werden können. Diese Fähigkeit machte das System zum leichtesten und transportabelsten System seiner Zeit, da der Host-Computer bei Aufführungen zuhause bleiben konnte. Die M.A.R.S. ist absolut geräuschlos, da sie keine Lüfter hat. Sie ist ziemlich leicht und sie kam in einem eleganten Lederimitat-Koffer. Ein Musikinstrument!

Die gebotenen Möglichkeiten waren schon als solches und in diesem Umfang, in dieser kleinen Kiste, vorher schlicht unvorstellbar. Die MIDI-Einbindung und das GUI (Graphical User Interface) wurden in Max (Apple) programmiert und so konnte ich mit der M.A.R.S. und Laptop, einem Apple 540c, bereits Flugreisen mit komplettem Instrument als Handgepäck machen. Das war wahrhaft beflügelnd! Die Konzerte waren oft aufwühlend, denn solche Klänge wie Realtime-Sampling, Granularsynthese, Physical Modeling etc. hatten die meisten der Konzertbesucher niemals zuvor gehört! Manches grenzte fast an Zauberei.

Wir betrachteten die M.A.R.S. damals, als eine reisefreundliche und auf italienische Finanzverhältnisse geschrumpfte Version eines 4X Computers, den Peppino Di Giugno zuvor am IRCAM in Paris/F realisiert hatte. Mir war diese "italienische Version" - schon wegen seiner Transportabilität - wesentlich lieber! Auch in der Nachbetrachtung sehe ich es so.

Durch das "elektronische Studio der Akademie Basel" und namentlich durch Thomas Kessler begegnete ich der M.A.R.S. 1993/94. Kurz vorher war ich diesem Studio "zugelaufen" und fühlte mich dort sehr wohl. Dort war Wolfgang Heiniger als Assistent von Thomas Kessler tätig und Wolfgang war bereits mit "DSP" (Digital Signal Processing) vertraut und wurde schnell zum M.A.R.S.-Spezialisten. DSP war noch recht neu und eigentlich kannte man es nur vom Hören-Sagen, denn es waren dafür sehr teure Computer nötig, die nur in ausgewählten Universitäten standen.

Da ich weder Student noch Dozent war (sicher ein bischen von beidem) und meine Tätigkeit nicht an die Orte mit M.A.R.S. binden wollte, verkaufte ich meine grossen, analogen Synthesizer und schaffte ich mir eine eigene M.A.R.S. an, die schnell eine zentrale Rolle spielte und grosse Veränderungen in mein Leben brachte. Es war auch der Schritt, auf höchster Ebene nicht mehr an ästhetische oder funktionale Entscheidungen von Herstellern gebunden zu sein - mit M.A.R.S. wurde die DSP-Struktur und mit Max die MIDI-Steuerung und alles, was musikalische Entscheidungen betraf, programmiert. Ein himmlischer Zustand!

Wir machten in den folgenden Jahren, im Studio, eigentlich alles "Wichtige" mit der M.A.R.S., das Studio hatte zwei und ich eine. Damit war Basel vielleicht das musikalische Zentrum der M.A.R.S..

"Max" KEYS Artikel vom Mai 1996

+ M.A.R.S. Klänge der Begleit-CD des Magazins

Ausser mir, gab es nur eine Handvoll Privatpersonen, die eine M.A.R.S. besassen - in der Regel kauften nur Hochschulen und Studios dieses Instrument. Den letzten (ISA-Card) M.A.R.S. begegnete ich Ende der 90er - ich war damals an der Einrichtung der M.A.R.S. im Freiburger Experimentalstudio des Südwestfunks (ehemals Strobel-Stiftung) - unter André Richard - beteiligt.

Die M.A.R.S. klang so gut, daß selbst Karlheinz Stockhausen, während eines Besuchs im elektronischen Studio Basel, zu dem wir ihm Ringmodulatoren für eine bevorstehende Aufführung von "Mixtur" (mit der M.A.R.S.) programmiert hatten, nach dem Hören sagte, sie seien "genau so gut wie die alten, analogen Ringmodulatoren im WDR, nur rauschen sie weniger". Wer auch nur annähernd eine Vorstellung von Karlheinz Stockhausen's Verhältnis zu seinen Ringmodulatoren hat, weiss, was das bedeutet: die M.A.R.S. war geadelt. Auch der andere Titan, Luciano Berio, arbeitete im IRIS Studio in Paliano mit der M.A.R.S. an eigenen Werken und ich hatte das unglaubliche Glück, das miterleben zu dürfen.





Ein Blick ins Innere:



ARES

Software (Windows 3. und Win95)

Die unterste Ebene der Software bilden die "Algorithms" (Screenshot links). Hier wird die Realisation im Kern programmiert. Alles muss irgendwie definiert werden. Eines der Grundprobleme war/ist, daß es in der M.A.R.S. nur "Fixed Point Algorithms" gibt - keine "Floating Point Algorithms". Fixed Point bedeutet, daß es nur Werte zwischen -1. und 1. gibt, alles Andere muss mit Formeln erzeugt werden, die, über Tables, die gewünschten Kurven erzeugen. Die entsprechenden, mathematischen Formeln sind daher unumgänglich. Da raucht schon mal die Birne.

Die kleinen, grünen "S" und roten "D" im Algorithm sind Variable, die schwarzen "C" Fix-Werte. Durch Doppelklick öffnen sich "Definition-Windows".

Die Algorithms werden in "Tones" gebunden und die Tones in "Orchestras". So können die Tones z.B. einfach vervielfacht und mit verschiedenen Adressierungen für die Steuerung versehen werden. Dazu gibt es noch verschiedene Ebenen mit Tables (für LFO, Parameter u.m.).

Das "Orchestra" bindet Tones in den System-Bus und ist die oberste Ebene. Auch wenn es freundlich aussieht und übersichtlich scheint - die Programmierung ist einigermassen "tricky" und nicht mehr mit heutigen Benutzer-Oberflächen vergleichbar.





Im linken Fenster ist ein futuristisches Ingredienz der M.A.R.S. zu sehen: Physical Modelling. Das war in den 90ern schon sehr verrückt, was sich da alles in der digitalen Elektronik auftat! Um beim Programmieren probezuhören, gibt es die kleinen Lautsprecher (1,2) - sie können an beliebigen Punkten zum Abhören gesetzt werden und sind nur in der Algorithm-Ebene aktiv.

Im rechten Fenster [Orchestra] ist die Bus-Einbindung zu sehen. Von den 4 Eingängen (Mikrofone mit grünen Linien) werden die Signale in die vorgesehenen Tones gezogen. Alternativ dazu, können auch die Ausgangs-Signale (graue Linien und Lautsprecher) in die Tones gerouted werden.




M.A.R.S. und ARES bieten auch jede erdenkliche Art an Werkzeugen, zum Abhören, Messen, Visualisieren und Überprüfen aller anfallenden Werte.

Heute erscheint es normal, aber Anfang der 90er war das ein überragendes Paket, daß unendlich viel und teure Hardware ersetzte, die auch nicht besonders zugänglich oder verbreitet war.

Es war der Anfang "wissenschaftlicher Absicherung", die inzwischen leider als ziemlich problematisch zu bewerten ist.


    M.A.R.S. Text und Boschüren (werden als PDF in neuem Fenster geöffnet):

    New MARS Workstation - Text (engl.) mit Abbildungen

    MARS - Broschüre mit Specs (1995)

    MARS ISA-CARD - Broschüre mit Specs (1997)


    Meine Zeit mit M.A.R.S.

    Der Clou für "Electronic Guerilla"-Leute - so bezeichnete ich mich damals - war, daß die "Orchestra"-Files als MIDI-File gedumped werden konnten. So mussten die grossen und lauten PCs weder ge-, noch "ertragen" (oder berücksichtigt) werden. Das war eine riesige Befreiung! Das Gepäck schrumpfte enorm und die Auf- und Abbau-Zeiten lagen bei etwa 10 Minuten. Auch vom Gewicht war die M.A.R.S. rekordverdächtig leicht! Die Steuerung lief über ein Apple Notebook (540c, Wallstreet, Pismo).


    Live Performances mit der M.A.R.S. waren auch deshalb phantastisch, weil der Aufbau extrem einfach war und die Konzentration für die Musik blieb! Ich hatte alles in einem 5 HE Softbag - M.A.R.S., Mackie-Pult, Mikrofone, Laptop und MIDI-Fader. Alles vorverkabelt - es musste nur Strom und die Verbindung zur PA angeschlossen werden. Vorher waren es ein Mac SE30 (Würfel), zwei 12HE Cases (extrem schwer!) und zwei (Klavier-) Tastaturen - und die aufwändige Verkabelung dauerte ca. 90 Minuten! Was für ein segensreicher Fortschritt!

    Hier ein Bild vom Soundcheck beim VCF 1 Festival in Köln (1997). Wolfgang Heiniger und ich (das World Powerbook Orchestra) gaben "Hosen aus Licht". Im Einsatz waren zwei M.A.R.S. gesteuert via Max. Auf der Leinwand lief ein gefakter-Maschinen Text, der nur dazu diente, den mitlesenden Teil des Publikums durch (falsche) Fehlermeldungen zeitweise zu beunruhigen. Ein Reporter der Kölner Zeitung gratulierte mir hinterher zum passenden Titel "Rosen aus Licht". Ich habe ihn nicht korrigiert.

    Nach dem Festival wurden wir, in grosser Übereinstimmung, als "DER Ausblick in die Zukunft der elektronischen Musik" gebranded. Grosse Zeiten!


    Von 1995 bis zum Ende des Jahrtausends war ich dann quasi überall in der Welt unterwegs und habe mein Electronic-Guerilla Leben - mit der M.A.R.S. - gelebt. Ich hatte zwei Mini-Sender und Empfänger (Sony Freedom Series) mit guten Miniatur-Mikrofonen und stieg sogar bei Konzerten ein (mit Elektronik vorher quasi undenkbar!). Das war eine phantastische Zeit - und die letzte Phase, bevor (aus meiner Sicht) sowohl der Konzert-Betrieb, als auch der "Künstler-Stand" durch Professionalismus (vielleicht) endgültig zerstört wurde. Performances wurden durch Präsentationen abgelöst.

    Ende 1998 war plötzlich das Studio IRIS "verschwunden". Einfach ohne Vorankündigung geschlossen. Keine Nachrichten, keine Hinterlassenschaften, keine Dokumente, keine Ersatzteile oder Techniker, die die M.A.R.S. reparieren könnten. Ein Schock! Auch online: nichts! Und es kam die Zeit der Loslösung vom Studio in Basel. Die 5 Jahre mit M.A.R.S. waren ein "Game Changer". Max und MARS hatten mir viele neue Türen geöffnet, ich hatte mit einigen der grossen lebenden Komponisten arbeiten können und der Schritt vom Jazz Piano in die "unsichere Welt" der Computer und digitalen Elektronik ind der Neuen Musik war gemacht.


    Durch meinen Umzug nach London war ich gezwungen, die M.A.R.S. als flugtaugliches Handgepäck zu transportieren und ich gewöhnte mich vorübergehend ans Fliegen. So ging es dann auch in die USA. Stützpunkt war ein Anwesen in La Jolla (San Diego, Kalifornien). Wir haben in Konzertsälen gespielt, auf einem Dach, im Camp Pendleton (Marines Base), in der Wüste und sogar im Schatten der Sonnenfinsternis.

    Seit der Zeit in London (ca. ab 1998) hatte ich den PC "auf dem Kontinent" stehen und habe seitdem keine weiteren, neuen Konfigurationen der M.A.R.S. programmiert und nur meine bestehenden MARS-Patches gebraucht (ich wollte ja auch spielen). Die vorhandenen Konfigurationen hatte ich als MIDI Sequenz im Apple Powerbook - im jeweiligen GUI konnte ich die Sequence dann als MIDI-Dump zur MARS schicken.

    Rechts ist ein Foto aus La Jolla, USA von 1999. Alles, was auf dem Tisch steht, war mein Flugzeug-Handgepäck - damals konnte man noch etwas mehr mitnehmen, als heute. Als Kontrast zur digitalen MARS hatte ich das Setup noch um eine analoge Sherman Filterbank (als "Dreckschleuder") erweitert.




    Maestro Peppino Di Giugno überreicht 1984 dem IRCAM/Paris den 4X/001. Maestro Pierre Boulez darf das Paket öffnen.