M.A.R.S.

Musical Audio Research Station (ca. 1992 - 1999)

Das Studio IRIS in Paliano (bei Rom/Italien) hatte 1987 den Auftrag für die Entwicklung der M.A.R.S. bekommen. Leiter des Projektes war Peppino Di Giugno. Finanziert wurde das Projekt durch die Bontempi-Farfisa Group. Auch GEM hatte irgendwie damit zu tun. Eigentlich ging es um die Rettung der italienischen Hersteller elektronischer Instrumente. Ziel war die Entwicklung eines Sound-Chips und die M.A.R.S. war die offene Architektur, um Anwendungen zu programmieren. Es war wohl das einzigartigste Projekt, an dem ich je teilhaben durfte. Mit der M.A.R.S. zu arbeiten, war, wie 15 Jahre voraus zu sein. Viele Klänge versetzten die Anwesenden in Erstaunen. Das war alles neu.


Eine DSP Maschine für Echtzeit-Anwendungen, die zu Beginn über Atari Computer, mit dem Programm "Edit 20", konfiguriert wurde. 1993 oder 94 kam dann ein neuer Host-Computer (Windows PC) und die Verbindung lief über den ISA-Bus. Die neue Software hiess ARES und bedeutete einen Quantensprung in der Bedienbarkeit, zudem wurde das Bus-System (Hardware) in der M.A.R.S. verbessert. Ganz zuletzt gab es die M.A.R.S. auch als PCI-Karte für den Einbau in den PC. Mir gefiel die PCI-Lösung nicht so gut, weil PCs damals einen Höllenlärm machten und ich von einem Musikinstrument erwarte, daß es still ist, wenn ich nichts mache.

Besonders gut war, daß die, mit Edit20 (Atari) oder ARES (PC) erstellten Konfigurationen, als MIDI-File gespeichert werden können. Diese Fähigkeit machte das System zum leichtesten und transportabelsten System seiner Zeit, da der Host-Computer bei Aufführungen zuhause bleiben konnte. Die M.A.R.S. ist absolut geräuschlos, da sie keine Lüfter hat. Sie ist ziemlich leicht und sie kam in einem eleganten Lederimitat-Koffer.

Die gebotenen Möglichkeiten waren schon als solches und in diesem Umfang, in dieser kleinen Kiste, vorher schlicht unvorstellbar. Die MIDI-Einbindung und das GUI (Graphical User Interface) wurden in Max (Apple) programmiert und so konnte ich mit der M.A.R.S. und Laptop, einem Apple 540c, bereits Flugreisen mit komplettem Instrument als Handgepäck machen. Das war wahrhaft beflügelnd! Die Konzerte waren oft aufwühlend, denn solche Klänge wie Realtime-Sampling, Granularsynthese, Physical Modeling etc. hatten die meisten der Konzertbesucher niemals zuvor gehört! Manches grenzte fast an Zauberei.

Wir betrachteten die M.A.R.S. damals, als eine reisefreundliche und auf italienische Finanzverhältnisse geschrumpfte Version eines 4X Computers, den Peppino Di Giugno zuvor am IRCAM in Paris/F realisiert hatte. Mir war diese "italienische Version" - schon wegen seiner Transportabilität - wesentlich lieber! Auch in der Nachbetrachtung sehe ich es so.

Durch das "elektronische Studio der Akademie Basel" und namentlich durch Thomas Kessler kam ich zur M.A.R.S. - ca. 1993. Kurz vorher war ich diesem Studio zugelaufen und fühlte mich dort sehr wohl. Dort war Wolfgang Heiniger als Assistent von Thomas Kessler tätig und Wolfgang war bereits mit "DSP" (Digital Signal Processing) vertraut und wurde auch schnell zum M.A.R.S.-Spezialist. DSP war noch recht neu und eigentlich kannte man es nur vom Hören-Sagen, denn es waren dafür sehr teure Computer nötig, die nur in ausgewählten Universitäten standen.

Da ich weder Student noch Dozent war (ein bischen von beidem vielleicht) und meine Tätigkeit nicht an die Orte mit M.A.R.S. binden wollte, verkaufte ich meine grossen, analogen Synthesizer und schaffte ich mir eine eigene M.A.R.S. an, die schnell eine zentrale Rolle spielte und grosse Veränderungen in mein Leben brachte. Es war auch der Schritt, auf höchster Ebene nicht mehr an ästhetische oder funktionale Entscheidungen von Herstellern gebunden zu sein - mit M.A.R.S. wurde die DSP-Struktur und mit Max die MIDI-Steuerung und alles, was musikalische Entscheidungen betraf, programmiert. Ein himmlischer Zustand!

Wir machten in den folgenden Jahren, im Studio, eigentlich alles "Wichtige" mit der M.A.R.S., das Studio hatte zwei und ich eine. Damit war Basel vielleicht das musikalische Zentrum der M.A.R.S..


"Max" KEYS Artikel vom Mai 1996

+ M.A.R.S. Klänge der Begleit-CD des Magazins

Ausser mir, gab es nur eine Handvoll Privatpersonen, die eine M.A.R.S. besassen - in der Regel kauften nur Hochschulen und Studios dieses Instrument. Der letzten (PCI-) M.A.R.S. begegnete ich Ende der 90er - ich war damals an der Einrichtung der M.A.R.S. im Freiburger Experimentalstudio des Südwestfunks (ehemals Strobel-Stiftung) - unter André Richard - beteiligt.

Die M.A.R.S. klang so gut, daß selbst Karlheinz Stockhausen, während eines Besuchs im elektronischen Studio Basel, zu dem wir ihm Ringmodulatoren für eine bevorstehende Aufführung von "Mixtur" (mit der M.A.R.S.) programmiert hatten, nach dem Hören sagte, sie seien "genau so gut wie die alten, analogen Ringmodulatoren im WDR, nur rauschen sie weniger". Wer auch nur annähernd eine Vorstellung von Karlheinz Stockhausen's Verhältnis zu seinen Ringmodulatoren hat, weiss, was das bedeutet: die M.A.R.S. war geadelt. Auch der andere Titan, Luciano Berio, arbeitete im IRIS Studio in Paliano mit der M.A.R.S. an eigenen Werken und ich hatte das unglaubliche Glück, das miterleben zu dürfen.

ARES

Software (Windows 3. und Win95)

Die unterste Ebene der Software bilden die "Algorithms" (Screenshot links). Hier wird die Realisation im Kern programmiert. Alles muss irgendwie definiert werden. Eines der Grundprobleme war/ist, daß es in der M.A.R.S. nur "Fixed Point Algorithms" gibt - keine "Floating Point Algorithms". Fixed Point bedeutet, daß es nur Werte zwischen -1. und 1. gibt, alles Andere muss mit Formeln erzeugt werden, die, über Tables, die gewünschten Kurven erzeugen. Die entsprechenden, mathematischen Formeln sind daher unumgänglich. Da raucht schon mal die Birne.

Die Algorithms werden in "Tones" gebunden und die Tones in "Orchestras". So können die Tones z.B. einfach vervielfacht und mit verschiedenen Adressierungen für die Steuerung versehen werden. Dazu gibt es noch verschiedene Ebenen mit Tables (für LFO, Parameter u.m.).

Das "Orchestra" stellt die Einbindung der Tones in den System-Bus dar. Auch wenn es freundlich aussieht und übersichtlich scheint - die Programmierung ist einigermassen "tricky" und nicht mehr mit heutigen Benutzer-Oberflächen vergleichbar.

Die kleinen, grünen "S" und roten "D" im Algorithm sind Variable, die schwarzen "C" Fix-Werte. Durch Doppelklick öffnen sich "Definition-Windows".



Im linken Fenster ist ein futuristisches Ingredienz der M.A.R.S. zu sehen: Physical Modelling. Das war in den 90ern schon sehr verrückt, was sich da alles in der digitalen Elektronik auftat! Um beim Programmieren probezuhören, gibt es die kleinen Lautsprecher (1,2) - sie können an beliebigen Punkten zum Abhören gesetzt werden und sind nur in der Algorithm-Ebene aktiv.

Im rechten Fenster [Orchestra] ist die Bus-Einbindung zu sehen. Von den 4 Eingängen (Mikrofone mit grünen Linien) werden die Signale in die vorgesehenen Tones gezogen. Alternativ dazu, können auch die Ausgangs-Signale (graue Linien und Lautsprecher) in die Tones gerouted werden.


M.A.R.S. und ARES bieten auch jede erdenkliche Art an Werkzeugen, zum Abhören, Messen, Visualisieren und Überprüfen aller anfallenden Werte.

Heute erscheint es normal, aber Anfang der 90er war das ein überragendes Paket, daß unendlich viel und teure Hardware ersetzte, die auch nicht besonders zugänglich oder verbreitet war.

Es war der Anfang "wissenschaftlicher Absicherung", die inzwischen leider als ziemlich problematisch zu bewerten ist.


Zurück zur M.A.R.S.: der Clou für "electronic guerilla"- Leute, wie ich mich damals bezeichnete, war, daß die "Orchestra"-Files als MIDI-File gedumped werden konnten. So mussten die grossen und lauten PCs weder transportiert, noch "ertragen" (oder berücksichtigt) werden. Das war eine riesige Befreiung! Das Gepäck schrumpfte enorm und die Auf- und Abbau-Zeiten lagen bei etwa 10 Minuten (ohne "Aufstarten" - was damals auch noch etwas länger dauerte).

Von 1995 bis zum Ende des Jahrtausends war ich dann, quasi überall in der Welt unterwegs und habe mein Electronic-Guerilla Leben - mit der M.A.R.S. - gelebt. Ich hatte zwei Mini-Sender und Empfänger (Sony Freedom Series) mit guten Mikrofonen und stieg sogar bei Konzerten ein. Das war eine phantastische Zeit - und die letzte Phase, bevor (aus meiner Sicht) sowohl der Konzert-Betrieb, als auch der "Künstler-Stand" durch Professionalisierung (vielleicht) endgültig zerstört wurde. Performances wandelten sich zu Präsentationen.


Live Performances mit der M.A.R.S. waren schon deshlab phantastisch, weil der Aufbau extrem einfach war und die Konzentration für die Musik blieb! Ich hatte alles in einem 5 HE Softbag - M.A.R.S., Mackie-Pult, Mikrofone, Laptop und MIDI-Fader. Alles vorverkabelt - es musste nur Strom und die Verbindung zur PA angeschlossen werden. Vorher waren es ein Mac SE30 (Würfel), zwei 12HE Cases (extrem schwer!) und zwei (Klavier-) Tastaturen - die aufwändige Verkabelung dauerte ca. 90 Minuten! Was für ein Fortschritt.

Hier ein Bild vom Soundcheck beim VCF Festival in Köln. Wolfgang Heiniger und ich (das World Powerbook Orchestra) gaben "Hosen aus Licht". Im Einsatz waren zwei M.A.R.S. und viel Max. Auf dem Monitor und der Leinwand lief ein gefakter-Maschinen Text, der nur dazu diente, den mitlesenden Teil des Publikums durch (falsche) Fehlermeldungen zeitweise zu beunruhigen. Ein Reporter der Kölner Zeitung gratulierte mir hinterher zum passenden Titel "Rosen aus Licht". Ich habe ihn nicht korrigiert.

Nach dem Festival wurden wir, in grosser Übereinstimmung, als "DER Ausblick in die Zukunft der elektronischen Musik" gebranded. Grosse Zeiten!