Kawai VPC1

    Virtual Piano Controller

    Dieser Piano-MIDI Controller ist wohl die Krone der Piano-MIDI Controller. Es ist in meinem Leben das erste Mal, dass ich mich nicht durch jede Berührung, jeden Anschlag einer MIDI-Tastatur beleidigt und betrogen fühle. Kein Flügel - aber: diese Tastatur ist wirklich "spielbar". Chapeau, Kawai!

    Die "Ivory-Feel"-Beschichtung fühlt sich gut an und die Druckpunkte der Tasten sind gut spürbar (etwas später, als bei akustischen Instrumenten). Durch eigene Velocity-Kurven ist das Instrument gut anzupassen. Durch eine Mechanik mit Triple-Sensorik wird auch elektronisch eine klaviertypische Spielweise besser umgesetzt - so wird die Repetitionsmechanik mit halber Tastenhöhe für die Repetition emuliert. Hier ist aber die einzige Schwäche des VPC1 zu nennen: die Repetitionsgeschwindigkeit ist etwas begrenzt, superschnelle Repetitionen sind nicht so einfach umzusetzen. Es fühlt sich mehr, wie ein mechanisches Problem an - vielleicht wird es ja besser, wenn die Tastatur eingespielt ist...

  • Der VPC1 ist anders, er hat auch keine Fatar-(On/Off)-Tastatur [tatsächlich gibt es sehr viele, unterschiedliche Fatar-Tastaturen in unterschiedlichen Qualitäten, die in den meisten Keyboards verbaut sind]. Diese Tastatur ist aus dem Hause des Klavierbauers Kawai, hat drei Sensoren und Hämmer. Inzwischen nur noch halb so teuer, wie zur Markt-Einführung, ist der hervorragende Kawai VPC1 damit auch erschwinglich geworden.



    Zwei "Kleinigkeiten" werden meist negativ besprochen: zum Einen, der wirklich unglücklich platzierte On/Off-Knob und zum Anderen die gewölbte Oberfläche, die an die Problematik des Fender Rhodes MkI erinnert - allerdings deutlich weniger extrem. Soll etwas darauf abgestellt werden, empfiehlt es sich, etwas zu basteln, um z.B. dem Synth einen stabilen Halt zu gewähren. Ich glaube, mit ganz wenig Schaumstoff und Anti-Rutsch-Gummierung lässt sich da relativ einfach etwas herstellen.

    Der VPC1 kommt mit einem 3-er Pedal, was sehr löblich ist, aber es ist leider in Leichtbauweise - daher rutscht es auch gerne weg - es wandert eigentlich permanent. Für mich (Schuhgrösse 49) sind die Pedale auch etwas klein und viel zu leichtgängig. Vielleicht gibt es ja irgendwo ein besseres... (Standard-TS und TRS Verbindungen). Eigentlich merkwürdig, dass das Pedal zur Tastatur so deutlich abfällt.

    Trotzdem: Alles richtig gemacht, Kawai! Es ist die Spitze - und es gibt noch etwas Luft nach oben! Ok - es gibt noch den Ravenworks Kawai VPC1 (wie AMG-Mercedes), ein komplett überarbeiteter, modifizierter VPC1, der aber mit über € 6000.- nicht so ganz in meinem Fokus liegt. Schön wär's ja...


    Natürlich hat der VPC1 keine Regler, Pitchbend, Pads oder Ähnliches - er ist ja ein Piano-Controller. Auch gibt es keine eingebauten Sounds (Danke!) - stattdessen sind Velocity Voreinstellungen für viele gängigen Software-Pianos dabei. Das ist wirklich gastfreundlich. Sehr, sehr gut gemacht, Kawai.

    Das Instrument ist aus Holz und Metall - es fühlt sich insgesamt wirklich gut an - ganz wie ein Piano - besser noch: fast wie ein (sehr leichtgängiger) Flügel. Das eigene Spiel lässt sich unproblematisch anpassen - auch in diesem Prozess ist die Velocity Kurve eine grosse Hilfe. Die Holztasten und das, durch Filze abgedämpfte Geräusch der zurückfliegenden Tasten - all das ist einfach wunderbar!

    Der Kawai VPC1 hat meine Beurteilung von MIDI-Keyboards von Grund auf verändert. Es ist eine Freude, darauf zu spielen. In Verbindung mit zeitgemässer Software sind hier wesentlich mehr Nuancen herauszuspielen, als auf herkömmlichen MIDI-Tastaturen.



    Kawai VPC1 Website



    Noch zwei Erfahrungen

    1. Es ist sehr schwer herauszubekommen, welche Tastaturen in welchen Keyboards verbaut sind. Ein Beispiel: Das Nord Stage 3 (4000.-) habe einfach die "beste" Tastatur, sagen die einen. Das Doepfer LMK4+ 88 (1500.-) sei noch besser, schreiben die nächsten - ich fand heraus, dass sowohl im Nord Stage 3 und dem LMK4+ 88, als auch im "billigen" PK88 GH (850.-), die gleiche Tastatur verbaut ist, nämlich die TP/40GH von Fatar. Es wurde also nur aufgrund der ästhetischen Anregung und der elektronischen Umsetzung der Velocitywerte bewertet - also nur über Elektronik und die eigene Reaktion auf das Design (!) - dabei ging es doch um die Tastatur! Das ist Komplett-Versagen an der gesamten Test-Front (Magazine nicht ausgenommen).

    Ich empfehle jedem, der z.B. mit Max arbeitet, sich seine Layers selbst programmiert und Velocity Kurven anlegt, genau zu erforschen, welche Tastatur verbaut ist - man zahlt die Differenz nur für die Elektronik und Design!! Immerhin, in diesem Fall, eine Spanne von 3150.- Euro. Für den Preis eines Nord Stage 3 kann man auch 5 Doepfer PK88 kaufen - es hat die identische Tastatur. Dann kann man die 5 PK88 an seinen 5 Lieblingsorten deponieren und braucht sie dann gar nicht mehr zu transportieren!

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    2. Ich hatte mein Kawai VPC1 als "Retoure" für 1150.- (statt 1300.-) gekauft. Nicht nur, dass der Karton und das Styropor extrem bechädigt und teilweise zerbrochen waren - auch gab es eine kaputte Taste (elektronisch). So ein 140cm / 30kg Keyboard wieder einzupacken und zurückzuschicken ist auch kein richtiges Vergnügen (Kindersarg) - selbst bei Abholung. Bin jetzt gespannt auf das Austausch-Modell.

    Bei so schweren Instrumenten ist "Retoure" mehr, als bei kleineren Geräten. Jeder Versand ist eine Grenzbelastung und viele Kunden sind beim Auspacken unbarmherzig und - besonders bei grossen Instrumenten - ungeübt. Da entsteht Bruch. Vielleicht hat sich die Ersparnis in diesem Fall eher nicht gelohnt.

    Editor-Software


    Rechts ist ein Blick auf den mitgelieferten VPC Editor. Auch die Firmware des angeschlossenen Instruments wird hier erkannt (und upgedated?). Die Software gibt es für Mac und Win. Ein zweites Programm namens VPCPedalCalibration ist auch noch dabei.

    Für mich ist "das Paket" absolut gelungen! Nichts ist dabei, was ich nicht brauche oder nicht will, wie Sounds oder Stummel-Plastik Controller. Solche Dinge haben mich in der Vergangenheit sehr beim Aufbau einer persönlichen Beziehung zum Instrument gestört. Glücklicherweise gibt's auch keine komplizierte MIDI-Architektur! Wenn ich Layer programmieren will, mache ich das mit einer Software - vorzugsweise Max. Diese Mini Panels in den meisten Instrumenten hasse ich zu programmieren und ich bin froh, dass der VPC1 mich mit derartigen Dingen verschont. Auch dürfte das Weglassen dieser Dinge, den Verkaufspreis (für Kunden positiv) beeinflusst haben.



    VST Instruments

    Pianoteq 6 Stage

    Zuerst habe ich den VPC1 ausschliesslich mit Pianoteq 6 Stage gespielt. Klingt auch Pianoteq nicht so vollkommen, wie manche Sample-Libraries, so ist doch das dynamische Spiel sehr reizvoll - es verhält sich weitgehend, wie ein akustisches Instrument. Auch das "Electric Instrument Pack" ist sehr gut. Ein seltsames (aber gutes) Erlebnis, Rhodes-Klänge über eine so gute Tastatur zu spielen. Die Software braucht wenig Platz und wenig Ressourcen.

    Pianoteq bietet sehr viele Einstellungs-Möglichkeiten und mit etwas Geduld kann man sich da durcharbeiten. Leider ist seit der Version 6 das Microtuning für die günstige Stage-Variante nicht mehr dabei - ich mache das aber ohnehin über Max.



    Ravenscroft 275

    Schliesslich habe ich mir auch das Ravenscroft 275 von VI Labs zugelegt. Es ist eine Sample-Library des grossen (akustischen) Ravenscroft 275 Flügels - das Top-Modell eben jenes Klavierbauers, der auch die perfektionierte Version des VPC1 anbietet. Dieses Piano besteht aus 17.000 Samples! Es gibt zudem noch zahllose Möglichkeiten, den Klang zu variieren. Auf der Harddisk werden 5,8 GB benötigt.

    Der Klang ist wirklich ausgewogener und schlicht besser als Pianoteq, aber das Spielen bereitet auf Anhieb nicht so viel Vergnügen wie Pianoteq - die "Verbindung" über die Tastatur fühlt sich nicht so natürlich an. Alles ist etwas statisch. Die dynamischen Übergänge sind noch unbefriedigend. Ich werde mich also zuerst um die Velocity-Kurven kümmern müssen. Bald mehr.


    Transport



    Der Kawai VPC1 wiegt 29,5kg und bewegt sich damit bereits an der oberen Grenze dessen, was von einer Person bewegt werden kann. Die Ausmaße verstärken diesen Aspekt (... 30kg-Endstufen in 19 Zoll sind da unproblematischer). Deshalb halte ich ein Ata-Case, wie das auf dem Bild, von RavenworksDigital für schlappe $ 2000.- angebotene Modell, nur für sinnvoll, wenn Roadies und Lastwagen mit Rampen im Spiel sind. Die gefüllte Kiste dürfte deutlich über 60 kg wiegen!

    Ich ziehe ein Softbag mit Rollen für 200.- vor. Ideal für den Solo-Transport. Ausreichend gepolstert und nicht unnötig schwer. Mit dem Softbag ist für mich auch die Frage der Transportabilität beantwortet: lieber 30kg für die beste verfügbare Tastatur, als 20-25kg für eine "durchschnittliche" - denn die haben auch gewichtete Holztasten.

    Stand



    Wenn der VPC1 transportiert werden soll, spielt der (mobile) Tisch eine wesentliche Rolle! Es ist gar nicht leicht, einen Ständer zu finden, der breit genug ist, sicher steht, nicht zu kompliziert ist oder ganz furchtbar aussieht.

    Auch nach Durchforsten der VPC1-Foren war es nicht besser - die meisten Ständer sind optisch eine Katastrophe und auch noch teuer. Im Keller hatte ich noch einen uralten Mixer-Stand und es stellte sich heraus, dass es eine der besten verfügbaren Lösungen ist. Werden die Beine auf 33cm zusammengedrückt, erreicht der Tisch eine Breite von 124cm. (Der VPC1 ist 138cm breit.)

    Es ist ein Quiklok WS-550.



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