Programmierung und Realisation audio-visueller Projekte

Gelegentlich beauftragen mich Komponisten, Instrumentalisten oder Studios, Software nach ihren Vorgaben zu entwickeln, also, um die Realisation einer Live-Elektronik. Für die Umsetzung einer kompositorischen Idee oder einer, das instrumentale oder vokale Spiel betreffenden, elektronischen Erweiterung, eignet sich eine massgeschneiderte Software am besten. Neben der technischen Bewältigung der Anforderungen an diese Software ist die Verbindung der zu steuernden Parameter mit Hardware-Controllers einer der interessantesten Aspekte, weil Verwaltung und Spontaneität hier zusammentreffen müssen. Das Ergebnis nennt sich Interface und kann Schieberegler, Pedal, Klaviatur, Licht- oder Feuchtigkeits-Sensor sein. Oder eine Videokamera, oder, oder... Es gibt kaum Grenzen. Selbst die Robotik bietet sich an. Meine Plattform für derartige Dinge ist das "Programming Environment" Max/MSP.

Maßgeschneiderte Software für Komponisten

Das wirklich Verrückte zuerst: im Gegensatz zu vergangenen Zeiten stehen heute - mit den allgegenwärtigen Smartphones und Tablets - hochsensible und interaktive Controller quasi für lau zur Verfügung! Dies war in der Vergangenheit das grösste (und teuerste) "Problem". Auch wenn seit über 10 Jahren Billig-MIDI-Motorfader zu haben sind - die Möglichkeiten von Tablets reichen viel weiter und bringen endlich die Trennung von der Computer-Maschinerie.

Das Bild zeigt die von mir programmierte Software zur Aufführung des Stückes "Morite" des sardischen Komponisten Giorgio Tedde in der Version von 2013. Der Computer ist Terminal und kann abseits stehen. Step-Nummer und Audio-Anzeige habe ich so gross gemacht, dass man es auch von weitem erkennt (falls gewünscht). Der Interpret braucht nur das iPad und der Komponist und/oder Interpret können über das iPhone die Steps schalten bzw. kontrollieren.

img Hier ist eine Live-Aufnahme von "Morite" mit der wunderbaren und wirklich ausserordentlichen Mezzo-Sopranistin Sylvia Nopper und Thomas Kessler (Live-Elektronik).

Morite - für Stimme und Live-Elektronik.

Die Veränderungen und Vereinfachungen durch die neue Controller-Situation sind enorm. Der Computer-Monitor muss nun nicht mehr beim Interpreten oder Klang-Regisseur sein, denn alle relevanten Informationen sind auch auf dem Tablet/iPad darzustellen. img Ein grosser Fortschritt, denn das iPad ist absolut geräuschlos und ohne Kabel-Orgie einzusetzen - also eher wie ein Musikinstrument. Da Giorgio auch ein Metric Halo Audio-Interface benutzt, habe ich ein Control Tab dafür integriert. Das iPhone ist eigentlich zur Supervision da: mit dem "Stepper" kann der Komponist mögliche Step-Fehler während der Aufführung korrigieren - Steps werden vom Interpreten mit einem Pedal geschaltet. Auch für Proben ist es perfekt, da jeder Step direkt aufgerufen werden kann.

Aus diesem Grunde hat sich die Rolle des Computers geändert - er ist jetzt eher wie die Zentralheizung, die man nicht im Wohnzimmer stehen hat, dort trotzdem aber die Temperatur ändern kann. Auf dem Monitor ist jetzt ein Terminal zu sehen - alle Parameter- und sonstige Adressen, Interfaces und Netzwerk-Einstellungen. Die grossen Peakmeter und numerische Step-Anzeige verwandeln den Rechner-Monitor in einen Bühnen-Monitor - auch aus grosser Entfernung sind die wichtigen Informationen gut zu erkennen.

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Dies ist die 2014-Version des Control-Pad, realisiert mit MIRA, das Max Objects spiegelt. Nichts muss programmiert werden! Das macht es auch für Komponisten einfacher, die keine Computer-Spezialisten sind. Nur das Max-Patch wird auf dem Host-Computer geöffnet. Wenn MIRA auf dem iPad geöffnet wird, zeigt es automatisch die Controllers aus dem Max-Patch. Ok, das iPad und der Computer sollten WiFi-verbunden sein.


Für Giorgio Tedde habe ich bisher die meiste Software entwickelt. Wir kennen uns schon aus unserer gemeinsamen Zeit in den 90er Jahren im elektronischen Studio der Musikakademie in Basel. Er teilt mir (oft sehr konkret) mit, was er möchte, (wie z.B. Angaben zum Pitch-Shifting, Delayzeiten etc.). Meistens wird dies und das nach jeweils kurzer Konversation geändert/angepasst und nach den ersten Proben kommen meistens noch mal kleine Ergänzungen und Änderungen. Giorgio Tedde ist derjenige, mit dem ich inzwischen auf echte Langzeit-Erfahrungen zurückblicken kann (und die sind sehr positiv). Das, was ich für ihn mache, gab es früher nur in Verbindung mit Hochschulen oder ambitionierten Radio-Studios - auf jeden Fall in Umgebungen mit riesigen Kosten und Subventionen. Auch ist kein Hindernis, daß er in Bern und Italien und ich, zur Zeit, in Norddeutschland niedergelassen sind.

img Hier ist eine alte Version meiner Software von 2005 zu sehen - eine Studenten-Version mit €150-Motorfaderpult. Auf dem Monitor ist die Verdopplung aller Regler zu erkennen - dies war eine Entscheidung, um auch ohne Faderbank alles bedienen zu können. Insgesamt war im Vergleich zu heute ein ziemlich hoher Arbeits-Aufwand nötig, bis der erste Ton zu hören war.

Die technischen Errungenschaften ermöglichen es z.B. Komponisten, auch zuhause mit der Elektronik zu experimentieren - etwas, das früher nur in wenigen elektronischen Studios möglich war. Damals aber musste man in engen Zeitrahmen und zu festen Zeiten mit Technikern oder Studenten an der Realisierung des elektronischen Teils der Komposition arbeiten - oft ein Lotteriespiel...



img Hier ist ein Video des Stückes "Boreo" von Giorgio Tedde, für das ich die Elektronik entwickelt habe (externer Link - nach Erscheinen der Seite ca. 10 sec. Ladezeit).

Zu sehen und zu hören sind Miako Klein an diversen Flöten (darunter eine Kontrabassflöte!) und Theodor Milkov am Schlagzeug. Die Aufnahme wurde am 10. November 2007 im Muziekgebouw Amsterdam gemacht.


Max im Alltag

Max (cycling74) ist perfekt, um Steuerungen für MIDI-Geräte zu gestalten. Das war 1990 schon mein Einstieg: die Fernsteuerung eines AKAI S900 Samplers durch systemexklusive MIDI Daten. So taugte der AKAI auch für's Live-Sampling. Für meinen Weiss EQ1 habe ich z.B. eine iPad Steuerung programmiert. img

Es erlaubt eine andere Umgangsweise, auch wenn es für den Weiss EQ1 nicht unbedingt nötig ist. Insbesondere bei Menü-Operationen ist aber eine vom Pad gesteuerte Software viel variabler, als ein Menü am Gerät, das "durchgesteppt" werden muss.

Für Controller bieten sich freie Verwendungen an. Wichtig ist hierbei auch, dass man nicht auf die Industrie warten muss und selbst sehr spezielle Anwendungen selber aufbauen kann.

Bei der noch neuen MPE Spezifikation (Multidimensional Polyphonic Expression) wird es sicher noch eine Weile dauern, bis genug Software angeboten wird - mir steht durch Max der Weg jetzt schon offen:

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Dies ist mein "Dashboard" des neuen, MPE-fähigen Seaboard RISE. Ausser den Kurven für die 5 Touch-Parameter habe ich auch die Idee mit den Kurven des mitgelieferten Software-Synths Equator in mein Patch übertragen. Mit diesen, stärker editierbaren Kurven lassen sich die Daten nach Wunsch verbiegen, um genau die "richtigen" Werte für die entsprechenden Parameter zu erzeugen. Zur Kontrolle zeigt der gelbe Punkt die aktuelle Position an.


Live Video

img Wie bei so Vielen rückte zwischendurch auch in meiner Arbeit Video weiter in den Focus. Natürlich arbeite ich in diesem Medium, wie auch im Audio-Bereich, am liebsten in Realtime. Durch den Einsatz von Video kann der Raum während eines Konzertes erfahrbarer werden, eine neue Gesamtsituation entsteht und ein Sinn macht dem anderen den Weg frei. Das ganze geht aber etwas Richtung dreidimensionales Schach und verlangt extrem viel Zeit für die Vertiefung. Sicherlich wird Video in der nächsten Zeit seine Rolle weiter verändern und vielleicht endlich im enthypten Dasein auch seine Reize vermitteln können.


Live Visualisierungen

imgFür Live-Visualisierungen von DJ-Sets komme ich gelegentlich auch mit Freunden der TechHouse/Minimal Music zusammen. Auf dem Foto sind die DJ´s Manon und Pascal Feos zu sehen. Eine heisse Nacht auf dem "Schiff" in Basel. Die Visualisierung der Musik geschieht auch mit einer Live-Kamera, was den Live-Charakter der Visualisierung deutlich verstärkt.